Freitaler Saurierplatte
Fakten zur Freitaler Saurierplatte
- Objekt: Freitaler Saurierplatte mit Pantelosaurus saxonicus
- Alter: etwa 299 Millionen Jahre (unteres Rotliegend)
- Gesteinseinheit: Döhlen-Formation
- Fundort: Königin-Carola-Schacht, später Paul-Berndt-Grube, Plauenscher Grund, Freital
- Fundtag: 19. November 1901, etwa 300 m unter Tage
- Inhalt: sechs eng miteinander verschränkte Skelette
- Gewicht: knapp eine Tonne
- Standort: Museum für Naturkunde Chemnitz (Dauerleihgabe des LfULG)
Kein Dino und doch der Star der sächsischen Paläontologie!
Im Steinkohlenbergbau des Döhlen-Beckens traten bis zur Einstellung der Förderung 1967 zahlreiche einzigartige Fossilfunde auf. Doch keiner von ihnen wurde so berühmt wie die Platte, um die es dieses Mal geht.
Ein Einbruch in 300 Metern Tiefe, ein Steiger mit klarem Kopf und knapp eine Tonne Gestein mit Knochenresten von sechs Tieren: Die Freitaler Saurierplatte ist ein Massengrab von Wirbeltieren und die Ikone der sächsischen Paläontologie. Ihre Geschichte beginnt vor rund 299 Millionen Jahren und führt bis in ein Museum in Chemnitz, wo sie am 5. Oktober 2026 feierlich enthüllt wurde.
Es ist der 19. November 1901. Im Königin-Carola-Schacht in Freital-Döhlen, mitten im Plauenschen Grund, läuft der Steinkohlenabbau. Etwa 300 m unter Tage bricht auf der 8. Hauptstreckensohle im Königin-Carola-Schacht auf etwas mehr als 1 m² die bergbaulich als Firste bezeichnete Stollendecke ein.
Zwischen den herabgestürzten Gesteinsbrocken entdeckt der Steiger vor Ort etwas Unerwartetes: Knochensubstanz. Er handelt geistesgegenwärtig und veranlasst umgehend die aufwändige Bergung, einschließlich der Gegenplatte, die noch in der Firste steckt. Nur dem besonnenen Handeln des Steigers Erler ist es zu verdanken, dass die knapp eine Tonne schwere Platte im laufenden Steinkohlenabbau an die Oberfläche geholt und gesichert wurde. So wurde aus einem Gesteinseinbruch ein Fund von internationalem Rang.
Was die Bergleute da ans Tageslicht holten, ist ein komplexes Objekt aus sechs eng miteinander verschränkten Skeletten. Das Gestein aus dem geologischen Zeitalter des Unteren Rotliegend ist etwa 299 Millionen Jahre alt und gehört zur sog. Döhlen-Formation. Die darin eingebetteten Tiere gehören zur Gattung Pantelosaurus und bis heute ist die Platte weltweit das einzige Material, das von ihr überliefert ist (Hauße, 1902; v. Huene, 1925; Spindler, 2016).
Schon der Name erzählt eine kleine Geschichte: Pantelosaurus saxonicus heißt übersetzt Sachsens vollständige Echse. Dieser Name nimmt Bezug auf die nahezu vollständig erhaltenen Skelette, nach denen Friedrich von Huene die Art 1925 benannte.
Der Pantelosaurus war ein Fleisch- bis Allesfresser und mit einer Länge von ca. 1,20 m womöglich das größte Raubtier seines Ökosystems. Neben den Skeletten bewahrt die Platte noch mehr: Sie enthält mehrere Reste von Gliederfüßern (Arthropoden) sowie Pflanzendetritus.
Saurier – bei diesem Wort denken die meisten sofort an Tyrannosaurus und Triceratops. Doch der Pantelosaurus gehört nicht in diese Reihe. Das saurus in seinem Namen heißt schlicht Echse, und ein Saurier ist noch lange kein Dinosaurier.
Pantelosaurus ist kein Dinosaurier! Die Verwandtschaft mit den Säugetieren ist näher. Die Tiere lebten in der Zeit direkt vor einem wichtigen Evolutionsschritt: von den Pelycosauriern, frühen Landwirbeltieren, die nach heutiger Einteilung nicht mehr zu den Reptilien zählen, hin zu den Therapsiden. Das sind die ersten direkt erkennbaren Vorfahren der Säugetiere.
Als der Pantelosaurus vor rund 299 Millionen Jahren lebte, gab es noch keine Dinosaurier. Sie traten erst mehr als 50 Millionen Jahre später auf. Der Pantelosaurus gehört dagegen zu jener Verwandtschaft, aus der später die Säugetiere hervorgingen – und damit auch wir Menschen. Die Saurierplatte zeigt also keinen Dino, sondern einen sehr frühen Verwandten der Säugetiere.
Warum liegen die sechs Tiere so dicht beieinander? Auf der Suche nach einer Antwort hat die Bachelorarbeit von Lea Kunzmann (2025) die Gesteinsschichten untersucht, in die die Skelette eingebettet sind. So lassen sich die Todesumstände und die Einbettung der Tiere rekonstruieren.
Die Ergebnisse sprechen für einen explosiven Vulkanausbruch, gefolgt von einem Strom aus Schlamm. Als wahrscheinlichste Todesursache der sechs Individuen wird ein Erstickungstod infolge eines plötzlichen Gasaustritts diskutiert. Die Kadaver wurden danach nur über eine kurze Strecke und unter ruhigen Bedingungen verlagert, bevor feinkörniges Sediment sie endgültig einschloss.
Warum sich die sechs Individuen zum Zeitpunkt ihres Todes in unmittelbarer Nähe zueinander befanden, lässt sich bislang nicht eindeutig beantworten. Vielleicht duldeten sich die Tiere gegenseitig oder suchten gemeinsam Schutz. Denkbar ist auch, dass ein plötzliches Erdbeben sie zusammenbrachte und zugleich den tödlichen Gasaustritt aus einem Moorgebiet auslöste. Die Platte hält einen Moment fest, den die Forschung bis heute zu entschlüsseln versucht.
Mit der Bergung war die Geschichte der Platte noch lange nicht zu Ende. Die wissenschaftliche Beschreibung des Stücks und die Präparation der Platte sind sehr wechselvoll und abenteuerlich bis hin zu einer »Geiselnahme« durch den in der Weltwirtschaftskrise unbezahlt gebliebenen Präparator. Fertig präpariert und beschrieben war es 1925.
Die Geschichte der Platte ist voller spannender Anekdoten, von angeblichen kanadischen Paläontologen, die die Platte in den 1970iger Jahren beschädigt haben sollen bis zum Versteckspiel, um das Exponat einem Verkauf gegen Devisen in den Westen Deutschlands zu entziehen.
Außerdem ging die Platte auf Reisen, zumindest als Kopie: Noch vor dem 2. Weltkrieg wurden Kopien an das British Museum in London verkauft. Weitere befinden sich heute in den USA und in Moskau. Ein Gipsabguß erhielt 1926 das Heimatmuseum Freital. Im Jahr 2025 entstanden aus 3D-Drucken zwei weitere Kopien. Sie hängen in der KohleWelt - Museum Steinkohlenbergbau Sachsen in Oelsnitz/Erzgebirge und in der Aula der Fachschulen für Agrartechnik und Gartenbau in Pillnitz.
Für die Forschung ist die Saurierplatte ein Glücksfall. Drei Dinge machen sie besonders:
- Sie zeigt, wie eine bislang unbekannte Art gebaut war, wie sie sich einordnen lässt und welchen Entwicklungsstand sie hatte, nämlich an der Schwelle zu den Therapsiden, die früher säugetierähnliche Reptilien hießen.
- Sie liefert Erkenntnisse zur Taphonomie, der Lehre davon, wie aus toten Lebewesen Fossilien werden. Die Einbettung verlief in mehreren Stufen und ist bislang nicht vollständig geklärt. Auch die Diagenese, also die Umwandlung von Sediment und Knochen im Lauf der Zeit, war außergewöhnlich.
- Sie erzählt ein Stück Wissenschafts- und Präparationsgeschichte und zeigt, wie sich Methoden und Erkenntnisse gewandelt haben.
Die Platte ist von herausragendem wissenschaftlichem und kulturellem Wert und Eigentum des LfULG. Daraus ergab sich die Verpflichtung das Exponat einer breiten Öffentlichkeit – dem Museum für Naturkunde Chemnitz – als Dauerleihgabe zur Verfügung zu stellen.
Das Museum ist dafür der richtige Ort. Das Museum für Naturkunde Chemnitz mit seinem einzigartigen versteinerten Wald gilt als erste Anlaufstelle für die Erdgeschichte des Rotliegend. Seine Ausstellung zieht nicht nur zahlreiche Besucherinnen und Besucher an, sondern das Museum ist zugleich eine renommierte Forschungseinrichtung und damit der ideale Partner für die wissenschaftliche Betreuung des Fundes. Zudem zeigt das Museum schon die Deckplatte. Diese wurde durch Zufall von Prof. Dr. Jörg Schneider im Proben- und Bohrkernarchiv des LfULG Anfang der 1990iger Jahre auf dem Ferdinandschacht wieder entdeckt.
Am 5. Oktober 2026 war es so weit: Bei einer feierlichen Veranstaltung wurde die Saurierplatte im Beisein des Sächsischen Staatsministers für Umwelt und Landwirtschaft Georg-Ludwig von Breitenbuch und des Präsidenten des LfULG Heinz Bernd Bettig dem Naturkundemuseum übergeben. Die Ausstellungseröffnung ist für das Frühjahr 2027 geplant.
Die Saurierplatte selbst entdecken
Das international berühmte Exponat stellt gewissermaßen das Kronjuwel der sächsischen Paläontologie dar. Wer es nicht mehr bis zur Ausstellungseröffnung aushält oder nicht nach Chemnitz reisen kann, findet die Platte auch im Netz: Das Sächsische Landesamt für Archäologie hat den spektakulären Fund 3D gescannt. Der Scan ist interaktiv erlebbar: archaeo | 3D – Freitaler Saurierplatte (archaeo3d.de)
